07.05.2005
Ueberwintert in Kanada...
und das ohne zum Eskimo mutiert zu sein! Unsere Vorstellungen von monatelangem, ununterbrochenem Schneesturm erfuellten sich gluecklicherweise nicht, so dass wir das winterliche Vergnuegen in Kanada wohldosiert geniessen konnten.
In Kanada gibt es keinen Winterschlaf. Es gilt das Motto: Was im Sommer gut ist, kann im Winter nicht schlecht sein. Allerorten findet man Eisbahnen zum Skaten, praktisch ist die Idee, Springbrunnen ab 100 qm Grundflaeche (wie in Toronto und in Mississauga, jeweils vor dem Rathaus) zu fluten, zur Eisbahn umzufunktionieren und mit flotter Unterhaltungsmusik (von den Rolling Stones bis zu Garry Glitter) zu beschallen
In Toronto wurde Ende Januar/ Anfang Februar "Wintercity" zelebriert. Zwei Wochen lang Party auf dem Rathausplatz, mit viel origineller Kleinkunst, Taenzen der native Indians, Galerien aus Eis und spektakulaeren Veranstaltungen. Wir erlebten im Rahmen dieses Festivals "Close Act", ein niederlaendisches Strassentheater. Herkoemmliche Vorstellungen ueber Strassentheater muss man hier ueber Bord werfen. Es gab keine Buehne, die Darsteller bewegten sich allesamt auf Stelzen, auf ueberlebensgrossen Mobiles zuguterletzt an einem Ballon schwebend, durch ausreichend Pyrotechnik unterstuetzt, mitten durch das so auf Trab gehaltene Publikum bzw. ueber die Zuschauer hinweg.
Um die Gelegenheit, frostige Impressionen von den Niagarafaellen zu erhaschen, nicht verstreichen zu lassen, nutzten wir Ende Januar eine zweiwoechige Frostperiode. Die Faelle waren weit davon entfernt zuzufrieren, jedoch boten sich dem Betrachter vor allem in der Umgebung skurille Bilder, da alles, aber auch wirklich alles, gleichmaessig in dickes, glattes Eis eingepackt war.
Im Februar fand in Sheldon (eine Stunde Fahrt von Toronto und
mitten im Wald) ein Math-Camp des Toronto-District Schoolboard
statt. Dieses Camp fand zum 17. Mal statt, in diesem Jahr durfte auch
ein deutscher Lehrer waehrend seines Sabbaticals teilnehmen. Die
Fahrt dahin erfolgte in einem zuenftigen, knallgelben Schulbus. Die
Konstruktion dieser Busse scheint seit der Entdeckung des Noerdlichen
Seeweges nicht veraendert worden zu sein. Die Tueroeffnung erfolgt zu
100% mechanisch durch ein vom Fahrer zu betaetigendes Gestaenge.
Teilnehmer am Camp waren knapp 40 Schueler aus Klasse 9-11,
begleitet von ca. 10 Lehrern. Thematisch wurde zu Fraktalen
geforscht. Dabei wurden fraktale Strukturen in Schnee und Eis sowie
an Pflanzen gesucht, fotografiert und mathematisch ausgewertet.
Abschluss des 3taegigen Camps bildete eine Praesentation der
Ergebnisse durch die Schueler auf einem unglaublich hohen Niveau. Zur
Erinnerung: Es handelte sich um Schueler, die bis zur Klasse 8
gemeinsam in einer oeffentlichen Grundschule mit einem hohen Anteil
an Migranten ihre mathematische Grundbildung erworben haben. Scheint
also irgendwie doch zu funktionieren...
Das Abendprogramm bestand
aus Gluecksspielen (natuerlich mit mathematischem Anspruch!) und
Nachtwanderungen durch sternenklare Nacht mit heissem Kakao als
Zielpraemie.
Eine Kostprobe kanadischen Nationalstolzes: Ein
Schueler brach bei der Wanderung - etwas unvorsichtig - mit einem
Fuss durch das Eis in den winterlich-erfrischenden Bach. Daraufhin
zog eine Mitschuelerin einen ihrer Schuhe aus und gab ihn dem
Pechvogel zum Anziehen. Nasse Fuesse sind definitiv nicht gesund bei
-10 Grad. Sie selbst stapfte auf Socken weiter durch den Schnee. 'Ob
das denn nicht auch ein bisschen kalt fuer sie wird und wir
schnurstracks umkehren sollten', fragte ich. Die Antwort: Schnee sei
doch ein hervorragender Waerme-Isolator und ausserdem: "I am
Canadian!" Bleibt noch hinzuzufuegen, dass das Geburtsland der
jungen Dame Rumaenien ist.
Am 9. Februar dann der naechste Anlass, das neue Jahr zu begruessen. Wir befinden uns jetzt im chinesischen Jahr des Hahns, das durch die chinesische Gemeinschaft waehrend zwei Wochen dauernder Festlichkeiten begangen wurde. Wir mussten konstatieren, dass unser Verstaendnis von Feiertagen nicht ueberall auf der Welt geteilt wird. Obwohl am 9.2. der Beginn des Jahres als Feiertag feststand, war das kein Grund, etwa die Laeden in Chinatown zu schliessen. Trotzdem wurde der Jahreswechsel zuenftig gefeiert, in Mississaugas Chinatown erlebten wir einen Drachentanz, das Fernsehprogramm von Omni-TV, dem Multikulti-Sender von Russisch bis Fernoestlich glaenzte durch bunte Abende, die an "Ein Kessel Buntes" auf Mandarin erinnerten.
Ein Kapitel fuer sich sind die Besuche bei Aerzten. Bislang gingen wir in eine "Walk-In-Klinik", schilderten der Empfangsdame kurz unser Problem, die erfragte dann beim Arzt die sofort in bar zu entrichtende Gage (zwischen 40 und 50$) und darauf wurden wir zu den Goettern in Weiss vorgelassen. Der Name "Walk-In-Klinik", dachten wir, bezieht sich auf die Patienten, die mal schnell ohne Termin aerztliche Fuersorge in Anspruch nehmen koennen. Bei Oeffnungszeiten von taeglich 8.00 bis 23.00 Uhr heisst "Walk-In" aber auch, dass das medizinische Personal von Tag zu Tag und von Stunde zu Stunde wechselt. Den Arzt des Vertrauens findet man zufaellig oder gar nicht, hingegen ueberraschte uns eines Tages eine Aerztin mit einer Honorarforderung von 98,00$, nachdem ein Kollege zwei Tage zuvor fuer das gleiche Leiden nur 50,00$ haben wollte. Aus prinzipiellen Erwaegungen nahmen wir von einer derartig wertvollen Zuwendung Abstand und begaben uns auf die Suche nach einem Kinderarzt. Diese sind rar gesaet, Termine schwer zu erhalten. Die Grundversorgung der Familie erfolgt durch den "Family Doctor" der noch allgemeiner als ein deutscher Allgemeinarzt die gesamte Familie auch in Sachen Kinderkrankheiten und Geburtenkontrolle beraet. Zum Glueck erhielten wir den Hinweis auf eine spezielle Kindersprechstunde im gegenueberliegenden Krankenhaus, taeglich von 18:00 bis 21:00 Uhr, Fachaerzte leisten kompetente Hilfe fuer 30$. Dafuer ist das Wartezimmer gut mit Spielkonsolen und lautstarken Videogeraeten bestueckt.
Untruegliches Indiz fuer das naechste bevorstehende gesellschaftliche Ereignis von hinreichender Bedeutung ist das Sortiment der Dollarstores (als preiswertes Pendant zu deutschen Tchibo-Regalen), in denen viele nuetzliche und unnuetze Dinge des taeglichen Lebens erhaeltlich sind. Unser Beobachtungszeitraum umfasste bislang Halloween (von August bis Oktober) undWeihnachten. Und schon in den letzten Dezembertagen leuchteten uns die rosaroten, herzigen Dekorationen fuer den Valentinstag im Februar entgegen. Bislang mutmassten wir, der Valentinstag sei durch die Blumen- und Dessoushaendler der Welt erfunden worden, um frisch werbenden Verliebten oder Paaren mit schlechtem Gewissen Chancen zur gegenseitigen (Wieder-)Annaehrung zu ermoeglichen. Wir hoerten auch davon, dass dieser Tag in Nordamerika etwas gruendlicher als in Europa begangen wird. Nicht gerechnet haben wir damit, dass am Valentinstag jeder jeden liebhat, sogar im Kindergarten haben sich die Kinder gegenseitig mit unzaehligen roten Herzen versehene Kaertchen und Suessigkeiten verehrt. Die Dollarlaeden fuhren danach mit Kleinigkeiten zu Ostern und Muttertag fort, im Sommer gibt es in Ermangelung geeigneter Feiertage Angelsachen.
Im Maerz waren beide Kinder zur Geburtstagsparty einer Freundin aus dem Kindergarten geladen. Unueblich ist das Einladen in die haeusliche Umgebung des Geburtstagskindes, stattdessen werden risikolos diverse kommerzielle Angebote genutzt. In diesem Fall war es "Woody Woodchuck", eine Art Spielhoelle fuer Kinder. Das Ueberreichen der Geschenke, das Verspeisen von Pizza und Kuchen und das "persoenliche" Erscheinen von Woody Woodchuck nahm nicht viel Zeit in Anspruch, vielmehr stuerzte sich die Kinderschar recht bald ins lautstarke Vergnuegen und verprasste die ausgegebenen Plastechips fuer allerlei Amuesement. Die beaufsichtigenden Eltern ueberstanden das Vergnuegen ueberraschenderweise ohne bleibende Hoerschaeden.
Auf der Suche nach einem geeigneten Geschenk durchstreiften wir
die einschlaegigen Buchlaeden. Durch das reichhaltige und
hochklassige Angebot in den Bibliotheken verwoehnt, waren wir
einigermassen erstaunt, dass nur Kinderliteratur erhaeltlich war,
deren Titelhelden durch das Fernsehen bekannt sind.
Das Fernsehen
praegt stark das oeffentliche Leben und die Meinungsbildung. In
beinahe jedem Restaurant - durch alle Preisklassen hindurch - steht
irgendwo ein TV-Geraet. Bevorzugt wird das Programm von CP24 gezeigt,
das auf einem Bildschirm gleichzeitig ein Nachrichten- und
Informationsprogramm, Schlagzeilen als Texteinblendungen, die
aktuelle Wettervorhersage in Symbolen, in rascher Abfolge die
Situation auf Torontos Autobahnen per Verkehrskamera, die
Boersenkurse, Sportergebnisse, Kulturtipps und natuerlich Zeit und
Datum zeigt - wohlgemerkt: alles auf einmal. Deutschland kommt
auch in den Nachrichten vor. Wenn nicht gerade ein amerikanischer
Praesident in Europa zu Gast ist, beziehen sich die Schlagzeilen
haeufig auf Dinge, die historisch oder aktuell mit dem
Nationalsozialismus verbunden sind. Nichtsdestotrotz begegnet man uns
freundlich, Deutschland wird eben auch mit schicken Autos und
nahrhaftem Bier assoziiert.
Besuch im Maerz machte es moeglich, dass wir uns ohne die Kinder
in Torontos Nachtleben stuerzen konnten. Eine Reihe der Clubs
findet sich in einem eng begrenzten Karree zwischen Queenstreet und
Kingstreet oestlich der Spadina-Avenue. Die Einlasser sorgen -
unabhaengig davon, ob's drin auch wirklich voll ist - dafuer, dass
stets eine beachtliche Schlange Tanzwuetiger vor der Tuer wartet.
Wenigstens entsteht der Eindruck, dass der Ballsaal angesagt und
begehrt ist - wer will schon in eine leere Disco? Egal wie alt man
aussieht, am Identitaets- und Alters-Check fuehrt kein Weg vorbei.
Und dann ist man drin - und falls man ein Raucher ist, auch gleich
wieder draussen. Es herrscht Rauchverbot in Ontarios Restaurants,
Jazzclubs und Discotheken. Um trotzdem niemanden an Nikotinentzug
sterben zu lassen, gibt es fuer die Raucher separate Ausgaenge ins
Freie, wo in einer Art Freigehege auf offener Strasse munter
inhaliert werden darf. Die Temperaturen im Fruehmaerz machten aus dem
Nikotingenuss skurrile Zittereinlagen.
Eine zweite Taktik, den
Laden voll zu kriegen besteht darin, die schoensten Damen oder
einfach nur die, die offensichtlich Unmengen von Zeit vor dem Spiegel
verbracht haben oder auffaellig luftig gekleidet sind, in das eigene
Lokal zu locken. Das geschieht durch Agenten auf offener Strasse, die
zunaechst die Schoenheiten ansprechen, um ihnen dann per Funk eine
Limousine (in der Regel strahlend weiss und nie kuerzer als 8 Meter)
zu ordern. Damit geht's dann ein bis zwei Querstrassen weiter bis
vor's Portal in der Hoffnung, dass Milliarden von angestachelten
Hormonen ihren maennlichen Eignern denselben Weg weisen.
Charakteristisch das Strassenbild gegen Mitternacht. Neben
berittener und befahrradeter Polizei sind nur noch 3 verschiedene
Fahrzeugtypen unterwegs: zum ersten die bereits erwaehnten
Limousinen, zum zweiten Taxis und zuguterletzt Abschleppwagen in
unvorstellbarer Zahl, die in aller Regel auch blechernen Fang am
Haken haben.
Eine starke Gemeinde irischer Einwanderer und ihrer Nachkommen zelebrierte im Maerz den St. Patrick's Day. Es scheint in Nordamerika ueblich zu sein, fuer jede Festivitaet, an denen nicht nur Verwandte ersten Grades beteiligt sind, eine Parade zu veranstalten. Dementsprechend war Toronto von lauter gruenen Maennchen bevoelkert, die die Strassen fuer den vermutlich von der Guiness-Brauerei gesponsorten Umzug saeumten. Die aufspielenden Kapellen waren uns allesamt noch von der Santa-Claus-Parade in Erinnerung. Die Feierlichkeiten insgesamt dauerten fast eine Woche an. Anderentags wurden- anlaesslich einer privaten St. Patrick Party - irische Spezialitaeten kredenzt: Irish Stew mit Guiness gewuerzt, das dazugehoerige Kartoffelpueree mit Poitin (einem Getraenk mit mehr als 50% irischem Geist) veredelt.
Ebenfalls nicht ohne Parade wird auch die Feier begangen, bei der der Gastgeber nicht mehr persoenlich die Gaeste willkommen heissen kann. Nach der Trauerfeier, die in einer der zahlreich ueber das Stadtgebiet verteilten "Funeral-Halls" stattfindet, geleitet ein langer, warnblinkender Autokorso den Sarg zum Friedhof. Die Friedhoefe selbst sind kein Zeugnis ueberschwenglicher Gartenbaukunst, Grabsteine auf einer gepflegten Wiese erfuellen ihren Zweck genauso. Erstaunlich ist das kanadische Verstaendnis von Totenruhe. In Mississauga befinden sich Graeber auf einer Freiflaeche inmitten eines vielbefahrenen Autobahnkreuzes (Highway 427 und 401) und in Nova Scotia sahen wir einen mit Auto befahrbaren "drive through"-Friedhof.
Das Auto spielt also eine zentrale Rolle im Leben und Sterben des Kanadiers. Eher stellt man sich mit dem Auto in eine lange Schlange bei Tim Horton's, um Kaffee an der Luke abzuholen, als dass man aussteigt und in den leeren Laden geht. Und oft sieht man Leute in ihr Auto einsteigen und gedankenverloren einige Minuten sinnieren - oft bei laufendem Motor - , bevor sie losfahren. Das ist anregend fuer den Blutdruck parkplatzsuchender Autofahrer. Wenn man dann endlich einen Parkplatz ergattert hat, kann man sich von den Anstrengungen erholen und selbst einige Minuten Auto-genes Training hinterm Lenkrad betreiben...
Alle Eindruecke wiederzugeben, die man bei einem Besuch in
kanadischen Schulen gewinnt, ist fast ein Ding der
Unmoeglichkeit. Der materielle Ausstattungsgrad ist beeindruckend,
jede Schule hatte eine durchgaengig geoeffnete Bibliothek mit
Leseecken fuer Schueler und Lehrer und wurde durch fachkundiges
Personal betreut. Die Administration der Computer wird durch die
Schulbehoerde organisiert, in jedem Klassenraum steht mindestens ein
Rechner mit Internetzugang, die PC-Kabinette bieten fuer jeden
Schueler ein Geraet.
Die Tueren der Klassenraeume sind waehrend
des Unterrichts oft offen. Verglichen mit Erfahrungen in deutschen
Klassenzimmern ist das Verhalten beeindruckend gut. Die Lehrer
schaetzen es sehr, Immigranten zu unterrichten, da sie haeufig aus
Kulturen kommen, in denen der Lehrerberuf gesellschaftlich anerkannt
ist.
Und kurioserweise ist das schriftliche Subtrahieren,
Multiplizieren und Dividieren verschieden vom deutschen Rechnen.
Verschiedene Verfahren, Zeichen und Schreibweisen fuer die
Grundrechenarten zeigen, dass die Mathematik doch nicht so
international ist, wie man gemeinhin glaubt.
Es lebe also die Vielfalt. Von der bunten Republik Kanada haben wir uns in der zweiten Aprilhaelfte selbst ein Bild gemacht. Von unserer Reise durch die Provinzen Quebec, New Brunswick, Prince Edward Island und Nova Scotia handelt ein extra Bericht. Bald hier zu lesen.