27.01.2005
Probezeit bestanden!
5 Tage vor ultimo flatterten uns 4 Briefe (fuer jeden extra!) ins Haus, die uns die Verlaengerung unseres Aufenthalts bis Ende Juli genehmigen. Das war reichlich knapp, immerhin haben wir die Antraege am 15. Dezember in die Obhut der kanadischen Post gegeben. Und die Antraege hatten es in sich. Antragsformular mit persoenlichen Daten. Passfotos zweifach von jedem. Rueckflugtickets (als Kopie). Kontoauszug zum Nachweis der Liquiditaet. Uebersetzte Gehaltsbescheinigung vom Landesbesoldungsamt (Wie heisst Landesbesoldungsamt auf kanadisch?). 75$ pro Person Bearbeitungsgebuehr einzahlen und Beleg dazu. Groesste Klippe war die Frage nach dem Familienstand. Wenn man im Viererpack auftaucht, kann man sich schlecht als Single bezeichnen. Married = verheiratet fiel aus. Also "Common Law Union" (Verband nach buergerlichem Recht / Gewohnheitsrecht) ankreuzen. Eine Partnerschaft in dieser Art kann aber nicht einfach erklaert werden, sie muss notariell beurkundet werden! Das naechste Formular ausgefuellt, zu einer gemeinnuetzigen Organisation fuer Immigranten mit notariellen Vollmachten und Partnerschaft amtlich bestempeln lassen. Ob tatsaechlich eine Partnerschaft besteht, wird anhand folgender Fragen ermittelt: Besteht ein gemeinsames Bankkonto? Gibt es gemeinsames Wohneigentum oder anderen Besitz? Sind Lebensversicherungen mit gegenseitiger Bezugsberechtigung abgeschlossen worden? Werden die Steuern zusammen veranlagt? (nichteheliche Lebensgemeinschaften koennen in Kanada offensichtlich gemeinsam Steuern erklaeren!) Offensichtlich die Kernfragen fuer den sicheren Bestand einer Partnerschaft. Diese ist nicht mit einer Ehe gleichzusetzen; die "Common Law Union" hat ein charmantes Merkmal: Sie ist auf 3 Jahre befristet und verlaengert sich nicht automatisch.
Eine Bekannte
britischer Abstammung, die nach langen Jahren in Deutschland vor
einiger Zeit nach Kanada kam, prophezeite, dass man im Anschluss an
die erste Begeisterung ueber Kanada nach einigen Monaten eine
"Kulturkrise" bekommt. Gemeint sind kleine
alltaegliche Details, die man erst auf den zweiten Blick bewusst
wahrnimmt und sich an ihnen stoert. Sie konnte sich nur schwer an die
Tatsache gewoehnen, dass Tuerklinken hier relativ ungebraeuchlich
sind, stattdessen werden mit Vorliebe Drehknaeufe verwendet. Daraus
kann eine laengere Aufzaehlung werden. A4 Papier ist unbekannt, ein
unueberschaubarer Zoo an diversen Papierformaten sorgt stattdessen
fuer Unordnung, Eselsohren und Bluthochdruck beim Eintueten von
Briefen in garantiert nicht passende Umschlaege. Kariertes Papier ist
nicht erhaeltlich, trotzdem findet Mathematikunterricht statt. Da die
Stifte der Stecker verschieden breit sind, ist das Einstoepseln eines
Elektrogeraetes in eine Steckdose eine Lotterie mit 50%
Gewinnwahrscheinlichkeit, wenn kein Schutzkontakt die Orientierung
erleichtert.
Sachen, die nicht wie daheim sind, findet man
ausreichend. Wie wird jedoch unser Kulturschock nach der Rueckkehr
aussehen?
Die Sunday Night Sex Show, eine TV-Ratgebersendung mit
Live-Anrufen ins Studio, wird von einer ca. 80jaehrigen kultigen Dame
sehr anschaulich moderiert. Dieses urkomische Highlight wird uns in
Deutschland wirklich fehlen!
Und sonst? Vergebliches Warten auf
den Kellner, der ohne Aufpreis Kaffee nachschenkt. Im oeffentlichem
Raum und in Gaststaetten duftet es verfuehrerisch nach Nikotin. Auf
der Telefonrechnung werden Ortsgespraeche berechnet. Beim Tanken
lernt man wieder den Umgang mit grossen Zahlen. Und der Unterricht
beginnt ohne das Abspielen der Nationalhymne.
Barbara, die jetzt
an der Uni Ottawa taetig ist, lebte in den 70er Jahren fuer 3 Jahre
in Karlsruhe, Deutschland. Sie kannte nach 30 Jahren noch einige
typische deutsche Redewendungen wie: "Das war schon immer so!"
(zackig betont!)
Die Vorbereitungen der Landschaftsgaertner Mississaugas waren nicht umsonst, puenktlich zum Weihnachtsfest schneite es in signifikanten Mengen. Zeitgleich gab die Oelpumpe unserer Servolenkung den Geist auf, so dass wir einige Tage als Fussgaenger mit den Schneemassen konfrontiert wurden. Die Taktik des Strassenwinterdienstes ist einfach beschrieben: Fussgaenger haben im Winter draussen nichts zu suchen! Dieses Motto konsequent umgesetzt heisst, dass die Strassen geraeumt wurden, indem der Schnee meterhoch auf die Fusswege umgelagert wurde. Der sonst gemuetliche Weg zum Supermarkt mutierte zum alpinen Mehrkampf. Was nimmt man nicht alles auf sich, wenn noch Gefluegel zum Zelebrieren des Weihnachtsfestes besorgt werden muss.
Das Weihnachtsfest
haben wir, da kein echter deutscher Weihnachtsmann verfuegbar war,
den englischen Sitten angepasst. Gemuetlicher Heiligabend ohne
Bescherung (die Maerkte waren bis 15:00 Uhr geoeffnet.), am Morgen
des 25.12. finden die Kinder die Geschenke in ueberdimensionalen
Socken und die ganz unhandlichen Gaben stehen unter dem
Weihnachtsbaum (Natur, von IKEA!) Nun ist die Temporalbestimmung
"am Morgen" leider nicht sehr eindeutig. Unsere Kinder
definierten diesen Zeitpunkt in trauter Einigkeit mit 5:30 Uhr und
liessen sich durch kein Argument von ihrer Meinung abbringen. Ueber
Sinn und Unsinn der Bescherung am Morgen des ersten Feiertages werden
wir fuer 2005 nicht mehr lange nachzudenken haben.
Anlaesslich
des Weihnachtfestes und den Tagen danach haben wir gut die
Zwei-Klassen-Gesellschaft der Werktaetigen beobachten koennen. Laut
Gesetz und folglich fuer den oeffentlichen Dienst und Institutionen,
die es sich leisten koennen (Banken, Pharmafirmen, Autohersteller,
...), gilt: Arbeitnehmer haben ein Recht auf Feiertage! Wenn, wie in
diesem Jahr, Feiertage ungluecklicherweise auf das Wochenende fallen,
werden sie nachgeholt! Und zwar am 27. und 28.12. An diesen Tagen
koennen dann die Angehoerigen der anderen Klasse bei ihrer Arbeit
besucht werden. Damit sind vor allem die Haendler aller Art gemeint,
die in der Boxing-Week mit betraechtlichen Rabatten locken, um die
weihnachtlichen Lager leerzuraeumen. Die Lager werden fuer den
naechsten Hoehepunkt gefuellt, den Valentinstag.
Wer in Deutschland
Silvester feiert und anschliessend behauptet, er sei sehr
ruhig in das neue Jahr gerutscht, wird vermutlich seine Aussage
revidieren, wenn er den Vergleich zu einem kanadischen New Years Eve
herstellt. Bei unseren Einkaeufen ist uns kein Laden aufgefallen, in
dem Silversterfeuerwerk verkauft wird. Des Raetsels einfache Loesung:
Es gibt fuer Privatpersonen kein Feuerwerk zu kaufen. Angenehm, keine
Heerscharen pubertierender Knallchargen erdulden zu muessen, die Tage
vor und Wochen nach Silvester unbescholtene Buerger akustisch
terrorisieren. Aus diesem Grund kann sich der Zoo in Toronto ohne
Gefahr fuer seine Bewohner leisten, eine Kindersilvesterparty
auszurichten (von 18:00 bis 21:00 Uhr). Auf dem Hinweg konnten wir
Hochbetrieb in allen Shoppingmalls entlang der Autobahn beobachten -
18:00 Uhr ist noch keine Zeit, um an "Dinner for One" (hier
voellig unbekannt) zu denken. Die Party im Zoo familienfreundlich und
spannend fuer die Kinder; Clown, Zauberer, Jongleur, afrikanischer
Trommler und "Max & Ruby", zum Leben erweckte
Trickfilmhasen, gaben ihr Bestes. Irgendwann muss die Fete auf dem
Rathausplatz in Toronto dann doch losgegangen sein, nach unserer
Rueckkehr konnten wir die Party im Fernsehen verfolgen. Dann Spannung
um 12:00 auf das Feuerwerk, und wir sahen - NICHTS. Ein paar
vereinzelte Seenotsignale, deren Verfallsdatum abgelaufen war, wurden
schnell entsorgt. Das grosse oeffentliche Feuerwerk fiel aus
verstaendlichen Gruenden aus, angesichts des Tsunamis wurde das Geld
dringender als fuer Pyrotechnik gebraucht. Das Verblueffende war,
dass die Feten 5 nach 12 zu Ende waren. Das Ziel der Feier, der
Jahreswechsel, war erreicht; was soll nach 0:00 Uhr noch gefeiert
werden??? Und selbst zu Beginn des neuen Jahres starteten und
landeten die Maschinen auf "Pearson International Airport",
als ob nichts Besonderes los sei.
Die naechste Neujahrsfeier
laesst nicht lange auf sich warten, am 9. Februar beginnt das
chinesische neue Jahr, dem Vernehmen nach sehr laut und farbenfroh.
Eine Verabredung an der Uni Ottawa war der Grund, fuer 3
Tage zu verreisen. Ottawa, direkt an
der Grenze zwischen Ontario und Quebec gelegen, ist zweisprachig und
wurde aus diesem Grund von der damaligen britischen Queen zur
Hauptstadt ernannt. Das Bildnis ihrer Nachfolgerin ist auch heute auf
kanadischen Muenzen zu finden, sie ist schliesslich Staatsoberhaupt
Kanadas. Von Elizabeth II sind gleich mehrere Portraits im Umlauf;
von Zeit zu Zeit werden die Neuauflagen der Zahlungsmittel mit einem
neuen Bildnis der Queen versehen, das den aktuellen Reifegrad der
Monarchin dokumentiert.
Unsere Reise war eine mit Hindernissen.
Ohne erkennbaren Grund ging der Motor unseres betagten Mobils auf der
aeussersten linken Spur der Autobahn in Hoehe Oshawa einfach aus.
Geistesgegenwaertige Autofahrer liessen uns noch an den rechten Rand
rollen, dann war mal wieder der CAA gefragt. Abschleppen zur
Werkstatt, Diagnosen fuer 170$ mit dem Ergebnis, dass nichts zu
finden war. Dafuer laeuft das Auto seitdem wieder problemlos, nur
weiss keiner, warum. Zum Abschied rief uns der Meister noch ein "See
you later!" hinterher, er behielt gluecklicherweise nicht
Recht.
Bis zu diesem Tag waren wir der irrigen Annahme, dass der
Raeum- und Streudienst die Fussgaenger ignoriert, weil er sich fuer
die Autofahrer ein Bein ausreisst. Leider falsch. Schneefall wird
offensichtlich mit grosser Ueberraschung und heiterer Gelassenheit
beobachtet, nach sorgfaeltiger Pruefung der allgemeinen Lage wird
ueber die zu ergreifenden Massnahmen beraten. Mit anderen Worten:
Geraeumt wird nicht zu schnell. Ankunft nach 500 km und 13stuendiger
Reise um 01:30 in der Nacht.
Das preiswerteste Hotel fanden wir in
Hull, einer kleinen Stadt auf der anderen Seite des Ottawa-River.
Hull liegt damit nicht mehr in Ontario, sondern in Quebec. Und jetzt
wissen wir endlich, wo die Ururenkel von Asterix geblieben sind. Sie
haben die Provinz Quebec gegruendet! In Quebec ist alles betont
anders. Aus jedem Knopfloch lugt der Widerstand gegen die anglophone
Dominanz hervor. In Ontario sind Verkehrs- und andere Hinweisschilder
zweisprachig, in Quebec nur franzoesisch. Demonstrativ werden die
Ampeln um 90° gedreht,
dass die Lichter nebeneinander haengen. Fast ein Wunder, dass sie
klassisch Rot-Gelb-Gruen leuchten und nicht in den Farben der
Trikolore erstrahlen. Andere Standards auch fuer die Durchfahrthoehe
in den Parkhaeusern - armer Dachgepaecktraeger! Als
englischsprechender "Fremdling" wird man aber in Quebec
sehr freundlich aufgenommen. Provinzielle Eitelkeiten sind keine
Spezialitaet Quebecs, die Provinz Saskatchewan z.B. stellt als
einzige Kanadas ihre Uhren nicht auf Sommerzeit um.
Toller Blick
vom Hotel auf den zugefrorenen Fluss und Ottawa mit dem
Parlamentshuegel und der kanadischen Nationalgalerie.
Im Hotel
keine Hausbar, stattdessen sind die Hotelzimmer mit Kaffeemaschinen
bestueckt. Kaffee liegt bei und kann kostenlos unbegrenzt
nachgeordert werden. In Kanadas Verfassung scheint es ein verbrieftes
Recht auf unbeschraenkten Zugang zu Kaffee zu geben.
Im eiskalten
Hull (-25°C) liefen
die Vorbereitungen fuer den Eiskarneval 2 Wochen spaeter, mit
Schneekanonen und schwerem Geraet wurden ganze Schneelandschaften
modelliert. In Ottawa liefen die Leute auf dem zugefrorenen Kanal
Eis, insgesamt machte das Staedtchen (700.000 Einwohner) einen
angenehmen Eindruck. Ein wiederholter Besuch in waermerer Jahreszeit
ist geplant, zudem wir es nicht geschafft haben, an einem Tag mehr
als ein halbes Museum (statt zwei geplanten) zu besuchen. In Hull,
wenige Schritte von unserem Hotel entfernt, befand sich das
(architektonisch sehr interessante!) Canadian Museum of Civilization.
Im Untergeschoss eine grosse Schau zu indianischen Traditionen und
der Besiedlung Kanadas; im ersten Stock ein Kindermuseum. Eine Unzahl
an vielfaeltigen Spielmoeglichkeiten sowohl mit internationalem Flair
in aegyptischen Pyramiden, japanischen Haeusern, indonesischen
Pavillons als auch mit Bezug zum taeglichen Leben in Haefen,
Schneiderstuben, "Klempnerbuden", Postaemtern, Spielcafés
und und und ... Fuer die beiden oberen Stockwerke reichte dann die
Zeit nicht mehr.
Mit Sicherheit gehoert die Aufmerksamkeit Kindern gegenueber zu den Pluspunkten der kanadischen Gesellschaft. Im Dezember und Januar waren wir im "Living Arts Centre" in Mississauga zu Ballett und Kindershow. Beide Male keine Sorgen, dass die Kinder nichts sehen koennen, denn an der Garderobe wurden hohe Sitzkissen fuer die Kleinen gegen eine geringe Gebuehr ausgeteilt. Mitunter sind es scheinbar unbedeutende Dinge, die zeigen, welchen Wert man den Kleinen beimisst.
Toronto bietet nach wie vor angenehme Ueberraschungen auch fuer die Erwachsenen. Eine Reihe von Strassenzuegen ist fest "in der Hand" bestimmter Nationalitaeten, optisch am spektakulaersten ist mit Sicherheit Chinatown. Durch die Empfehlung eines Freundes lernten wir juengst das italienische Viertel kennen, in dem stilvolle Restaurants fuer hervorragende Bewirtung sorgen. Zweifel kamen auf, ob Rostocks "Italiener" aus dem selben Land stammen wie die Italiener Torontos.
Seit Januar bietet sich am OISE (Ontario Institute for Studies in Education) der Uni Toronto die Moeglickeit, Einblick in die Lehrerfortbildung zu erhalten. Neben den von den Schoolboards (in etwa mit Schulaemtern vergleichbar) angebotenen Workshops (je nach Schoolboard werden verschiedene Formen bevorzugt), bieten die Universitaeten Masterstudiengaenge an. Masterstudiengaenge bestehen aus acht Kursen mit 13 Veranstaltungen und dem Schreiben einer wissenschaftlichen Arbeit. An einem dieser Kurse nehme ich (Lutz) nun teil. Einen Mastertitel zu haben, ist Voraussetzung fuer jegliche Art Karriere und Gehaltserhoehung im Schuldienst, seien es Schulleitung oder andere Posten. Darueber hinaus waehlen Lehrer diesen Weg, um die kleinen grauen Zellen etwas in Schwung zu halten. Der Anspruch dieser Veranstaltung ist beachtlich. In jeder Woche wird Fachliteratur besprochen, zudem werden 5 weitere Artikel von den Kursteilnehmern zusaetzlich gelesen und analysiert. Teile des Kurses finden online statt, uber eine Newsgroup fuer den Kurs kann man zwischen den Veranstaltungen in Kontakt bleiben. Zwei oder drei Veranstaltungen finden per Chat am PC statt. Die Frage, ob einer der teilnehmenden Kollegen keinen PC hat, wurde gar nicht erst gestellt.
Die Organisation der Schullandschaft ist infolge politischer Rahmenbedingungen alles andere als einfach. Wie in Deutschland ist die Bildung Sache der Provinzen. Innerhalb der Provinzen gibt es jedoch historisch bedingte Kuriositaeten. Neben den oeffentlichen Schulen ohne religioesen Hintergrund haben die katholischen Schulen das Privileg, dass fuer ihren Besuch kein Schulgeld zu zahlen ist. Andere Religionsgemeinschaften muessen Privatschulen gruenden und Schulgeld verlangen. Grund fuer diese Praktik sind uralte Vertraege, die Eingang in Kanadas Verfassung gefunden haben. Zusaetzlich wird zwischen franzoesisch- und englischsprachigen Schulen unterschieden. Es existieren demzufolge getrennte Lehrerverbaende, die in aller Regel nicht miteinander kommunizieren. Folgerichtig teilen sich in jeder Region gleich mehrere Schulaemter die Verwaltung der Bildung.
In der letzten Woche mussten wir unsere Kinder das erste Mal fragen, was sie uns denn gerade auf Englisch erzaehlt haben. Die Kinder konnten es uebersetzen. Wir nicht.